Wenn ich das mache, was Du sagst…

Mutter und Tochter (nennen wir sie frei erfunden „Karina“) sitzen in meinem Büro. Die Mutter rief mich drei Tage zuvor an und bat um meine Hilfe. Karina (16 Jahre jung) würde „den Aufstand proben“, will die Schule „hinschmeißen“ und Sängerin werden.

Seit zwanzig Minuten redet Karinas Mutter ohne Pause auf mich und ihre Tochter ein. Karina und ich haben außer unseren Worten zur Begrüßung noch nichts gesagt.

Ich beobachte Karina. Sie sinkt auf ihrem Stuhl immer weiter in sich zusammen. Sie starrt niedergeschlagen auf den Boden. Ich spüre ihren Kummer, ihre Niedergeschlagenheit.

Ihre Augen sind glasig – Betrübtheit – Seelenschmerz.

Nur noch Wort- und Satzfetzen kommen aus dem Munde der Mutter bei mir an:

„…das Beste für Dich…“ – „…sicherer Job…“ – „…Studium…“ – „…übernimmst später die Kanzlei Deines Vaters…“ – „…Rente…“ – „…Sicherheit…“ – „…mach uns keine Schande!“ – STOP!!!

„…mach uns keine Schande!“ – dieser Satz ist der letzte Satz, den ich zulasse. Ich unterbreche forsch die Mutter an dieser Stelle. Ich lasse keinen Zweifel daran, dass sie jetzt mehr als genug gesagt hat. Sie schweigt und schaut mich irritiert an.

Ich frage mich, was sie nun von mir erwartet? Dass ich Karina „zur Vernunft“ bringe?

Einen laaaaaangen Moment herrscht absolutes Schweigen.

Ich strecke Karina meine Hand entgegen. Sie ergreift meine Hand und ich spüre ihr Zittern. Ich schaue in ihre Augen und sage:

„Fasse alles, was Du jetzt fühlst, in einem kurzen Satz oder einer kurzen Frage zusammen. Was Du FÜHLST, nicht, was Du denkst. Schließe Deine Augen und FÜHLE, und dann lasse genau diese Gefühle sprechen.“

Stille – Tränen beginnen Karina über die Wangen zu laufen – Stille.

Karina öffnet die Augen, schaut ihre Mutter an – und spricht nur einen einzigen Satz:

„Wenn ich das mache, was Du sagst, werde ich dann auch so unglücklich wie Du es bist?“

Die Zeit scheint einen Augenblick lang still zu stehen. Wenige Sekunden werden zu einer Ewigkeit.

Stille – und nun beginnen auch aus den Augen der Mutter die Tränen ungehemmt zu fließen.

Ich weiß: sie hat verstanden.

Ich freue mich sehr auf das erste große Konzert von Karina.

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