…wie das Leben nach der Geburt aussieht.

Ich habe eine Geschichte des Schriftstellers und Psychologen Henri Jozef Machiel Nouwen (* 24. Januar 1932 in Nijkerk; † 21. September 1996 in Hilversum) gelesen, die ich gerne mit Dir teilen möchte:

Im Mutterleib wuchsen Zwillinge heran. In dem Maße, wie ihr Bewusstsein wuchs, stieg auch ihre Freude: „Ist es nicht wunderbar, dass wir leben?“, sagte eines Tages der eine zum anderen.

Die Zwillinge begannen im Laufe der Zeit ihre Welt immer mehr und mehr zu entdecken. Dabei fanden sie auch die Schnur, die sie mit ihrer Mutter verband und sie mit Nahrung versorgte.

Beglückt sagten sie: „Wie groß ist doch die Liebe unserer Mutter, dass sie ihr eigenes Leben mit uns teilt!“

So vergingen die Wochen und sie bemerkten, wie sie sich veränderten.

„Was bedeutet es, dass wir uns im Laufe der Zeit so verändern?“ fragte der eine den anderen.

„Das bedeutet, dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald dem Ende zugeht. Unsere Geburt wird kommen.“

„Aber ich will doch gar nicht gehen. Glaubst du an ein Leben nach der Geburt?“

“Ja, das gibt es. Unser Leben hier ist nur dazu gedacht, dass wir wachsen und uns auf das Leben nach der Geburt vorbereiten, damit wir stark genug sind für das, was uns erwartet.“

“Blödsinn, das gibt es doch nicht. Wie soll denn das überhaupt aussehen, ein Leben nach der Geburt?“

“Das weiß ich auch nicht so genau. Ich glaube, dieses Leben wird heller sein als unser jetziges Leben. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen.“

“So ein Unsinn! Herumlaufen – das geht doch gar nicht. Und mit dem Mund essen – so eine komische Idee! Es gibt doch eine Nabelschnur, die uns ernährt – und die ist ja jetzt schon zu kurz zum Herumlaufen.“

“Doch, es geht ganz bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders.“

„Du meinst, wir werden unsere Lebensschnur verlieren? Wie sollen wir ohne sie leben? Vielleicht haben andere vor uns schon diesen Mutterschoß verlassen, doch keiner von ihnen ist jemals wieder zurückgekommen und hat uns gesagt, dass es ein Leben nach der Geburt gibt. Es ist noch nie einer zurückgekommen von “nach der Geburt“. Die Geburt ist das Ende, da bin ich mir ganz sicher!“

So fiel der eine, der Pessimistische von beiden, in einen tiefen Kummer und sagte: „Wenn alles mit der Geburt endet, welchen Sinn hat dann das Leben im Mutterschoß? Es ist sinnlos. Vielleicht gibt es gar keine Mutter?“

„Aber sie muss doch existieren“, sagte der andere, „wie sollten wir sonst hierher gekommen sein? Und wie könnten wir am Leben bleiben? Auch wenn ich nicht genau weiß, wie das Leben nach der Geburt aussieht, glaube ich fest daran, dass wir dann unsere Mutter treffen werden und sie wird für uns sorgen“.

“Mutter? Du glaubst an eine Mutter? Sag mir, hast du je unsere Mutter gesehen? Möglicherweise lebt sie nur in unserer Vorstellung, und wir haben sie uns bloß ausgedacht, damit wir unser Leben besser verstehen können. Wo ist sie denn bitte?“

“Na hier, überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie können wir gar nicht sein“.

“Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht!“

Manchmal, wenn Du ganz still bist, hörst Du sie singen und Du kannst spüren, wie sie unsere Welt streichelt

Sei aufmerksam und fühle Dich geborgen und geliebt, das wünsche ich Dir.

Dein Joe

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